Der Leierkastenmann - Eine Schauergeschichte 
Kurzgeschichtenwettbewerb "Diebe", literareon-Verlag, 2012 

3. November 2009

Nach all den Jahren habe ich ihn heute zum ersten Mal wieder gehört. Es war ganz still und es dämmerte bereits. Ich war allein. Um mich herum wirbelte der Herbstwind die braunen und gelben Blätter zu wilden Höhenflügen auf. Einer spontanen Idee folgend ging ich nicht, wie sonst immer an der gut beleuchteten Hauptstraße entlang nach Hause, sondern wählte wie früher den kürzeren und schöneren Weg an der Bielert-Kirche und dem Opladener Weiher vorbei. Und genau wie früher beschlich mich auch heute wieder dieses kurze Gefühl von Furcht, sobald ich in die deutlich dunklere Bielert-Straße einbog. Etwas war nicht richtig, aber ich wusste nicht, was es war. Groß und dunkel erhob sich die neoromanische Kirche zu meiner Rechten. Ein kurzer Blick genügte, dann sah ich wieder weg. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, wie die Inschrift lautete. "Allein Gott in der Höh sei Ehr". Um mich abzulenken, ging ich etwas schneller. Als ich so darüber nachzudenken versuchte, was Lisa wohl Gutes zum Abendbrot vorbereitet hatte, hörte ich es ganz plötzlich. Ein leises Klingeln, wie von vielen kleinen Glöckchen, noch weit entfernt, aber eindeutig näher kommend. Ich konnte es kaum glauben, mein Schrecken war so groß, dass ich erst stehenblieb und lauschte, bevor ich weitereilte. "Bitte mach, dass er es nicht ist!" ging es mir durch den Kopf, 

"Ich habe niemandem geschadet. Ich habe immer gut aufgepasst." Schon hatte ich den Weiher hinter mir gelassen, war an dem leeren Kinderspielplatz vorbei auf die Fußgängerbrücke über die Wupper gehastet, da begann er auch schon zu spielen. Die ersten, noch leisen Töne seines schäbigen Leierkastens raubten mir beinahe den Atem. Dumpf gluckerte die Wupper unter mir. Ich starrte in die Dunkelheit, konnte aber nichts ausmachen. Diese elende Musik, ich kannte diese Musik! Es war immer die eine Melodie, ein Kinderlied wohl, oder ein Weihnachtslied, eine weiche, unaufdringliche Melodie eigentlich, wären da nicht diese plötzlichen, disharmonischen Töne, die das Lied verunstalteten. Lauter und schriller als alle anderen, wurden sie nicht vom Wind herübergeweht, wie der Rest der Musik, vielmehr war es eher so, als ob man einen Pfeil in den Kopf geschossen bekäme, der einen kurzzeitig paralysierte. Die Zunge wurde einem schwer und ein beklemmendes Rauschen schien den Kopf auszufüllen.

Ich drehte mich nicht mehr um und ich blieb auch nicht mehr stehen. Langsam, die Handflächen auf die Ohren pressend, näherte ich mich dem Ende der Brücke. Die Zweige der Trauerweide pendelten ziellos umher. Endlich erreichte ich die alte Steintreppe, die man, keiner weiß genau warum, schon immer Himmelsleiter genannt hatte. Mehrere der abschüssigen Stufen auf einmal nehmend, klammerte und zerrte ich mich an dem hellgrünen Geländer nach oben. Drei Absätze, fünfundvierzig Stufen, dann stand ich vor dem Sockel der kleinen, gemauerten Aussichtsplattform, die die Treppe in zwei schmalere Bogenaufgänge teilte. Links oder rechts? Rechts. Aber wenn ich rechts war, was war dann links? Nichts? Vier Stufen lang konnte man den anderen Aufgang nicht überblicken. Wie oft waren Klausi und ich als Kinder und auch später als junge Männer diese Treppe hinauf und hinabgegangen, auch an jenem denkwürdigen Tag vor einundzwanzig Jahren. Nicht mehr ganz nüchtern, wie meistens, aber in absoluter Hochstimmung. Lachend und scherzend waren wir zu den Wupperwiesen geeilt, um uns dort mit einer Flasche Rotwein den Nachmittag zu vertreiben.

Klausi, mein Freund - wie lange hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Eine Ewigkeit?

Ich hatte lange nicht an ihn gedacht, beinahe hatte ich ihn vergessen , doch nun war mir sein Gesicht mit einem Mal wieder vor Augen, klar und deutlich. Ein entsetzlich schiefer, schriller Ton riss mich aus meinen Gedanken Über die letzte Stufe stolpernd, rannte ich keuchend unter dem hölzernen Rosenspalier hindurch in die rettende Siedlung hinein und nach Hause.


6. November 2009

Lisa beobachtet mich. Ich habe ihr nichts erzählt neulich Abend, dennoch spüre ich genau, dass sie mich beobachtet.


7. November 2009

Heute beim Abendessen habe ich Lisa gefragt, wann sie zuletzt etwas von Klausi gehört hat. Es war nur eine beiläufige Frage, welche sie aber zu meinem Erstaunen völlig aus der Fassung brachte. Sie zuckte so stark zusammen, dass sie versehentlich ihr Glas umstieß, worauf sich ihr Wein über den ganzen Tisch ergoss und in einem schmalen Rinnsal auf den Fußboden tropfte. "Ich kenne keinen Klausi." murmelte sie im Hinausgehen. Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll.


9. November 2009

Ich hatte einen Traum. Zum allerersten Mal hörte ich den Leierkastenmann nicht nur, ich konnte ihn auch sehen. Mit dem Rücken zur Himmelsleiter, stand ich ihm auf der alten Brücke in einiger Entfernung gegenüber. Er spielte nicht, er sah mich nur an. Etwas Weißes bewegte sich auf dem antik anmutenden Kasten, ein Tier wohl, ich konnte es aber nicht genau erkennen. Leise klingelten die, an langen Schnüren aufgereihten Glöckchen. Angewidert und fasziniert zugleich, betrachtete ich sein ausgezehrtes, von tiefen Furchen durchzogenes Gesicht. Unter einem sonderbar hohen Zylinder, der nach oben hin schmaler wurde, kamen klebrige lange Haarsträhnen hervor, die ihm über Nase und Ohren hingen. Beinahe, als flösse irgendeine schwarze Brühe aus dem Hut. Die Schöße seines abgetragenen, einst schwarzen Frackes flatterten im Wind. Er wollte, dass ich hinüberkam. "Du Narr!", dachte ich. Er kicherte und nickte dabei in einer ekelerregenden Weise mit dem Kopf, bevor er von einem Moment zum nächsten plötzlich direkt vor mir war, seine überwältigend klaren, blauen Augen dicht vor meinen, um im darauffolgenden Moment wieder an seinem alten Platz zu stehen. Ich erwachte mit einem gedämpften Aufschrei.


10. November 2009

Die Augen lassen mich nicht mehr los. Dieses Blau, was ist das? Ist das Wasser? Ich darf mich nicht so gehen lassen, sonst...


11. November 2009

Konnte das Haus nicht verlassen, bin stattdessen den ganzen Tag im Bett geblieben. Lisa meint, etwas Ruhe würde mir gut tun, aber ich bezweifle das. Sobald ich, gleichgültig zu welcher Tageszeit, den Versuch mache, ein wenig Entspannung und Ablenkung zu finden, sehe ich diese riesigen Augen vor mir. Gegen meinen Willen versinke ich darin, als stünde ich ganz nah vor einem Aquarium, die Nase an das kühle Glas gepresst, wie ein Kind. Da waren milchig-grüne Algen, moosüberzogene Steine, knorrige Äste und Stämme, Luftblasen, viele Luftblasen und irgendein Gegenstand trieb leblos auf mich zu. Ein Körper? War das ein menschlicher Körper? Die langen, braunen Haare bewegten sich träge, ja fast anmutig in der Strömung wie Wasserpflanzen. Noch war mir sein Rücken zugewandt, aber schon schlingerte er, hilflos von einer Woge erfasst, um mir sein Gesicht zu zeigen. Klausi?


12. November 2009

Heute morgen, auf dem Weg zur Arbeit, es war noch dunkel und ein leichter Nieselregen benetzte die Straßen, habe ich mich dabei ertappt, wie ich völlig abwesend eine Melodie summte, die Melodie! Ich hatte es nicht bemerkt. Erst das entfernte Echo des Leierkastens, ließ mich entsetzt verstummen. (Ich begleite dich) Aus mir völlig unbegreiflichen Gründen war ich, entgegen meiner Absicht, in die kleine Seitenstraße zur Himmelsleiter eingebogen und befand mich nur noch wenige Schritte vor der ersten Stufe nach unten. (Komm mit mir. Ich will dir etwas zeigen)Die Musik schwoll an, sie umschmeichelte meine Sinne, umgarnte mich auf eine schreckliche und zugleich wunderschöne Weise. Ich musste an einen Sommerabend an der Wupper denken, an ausgelassenes Lachen und flackernde Windlichter, junge Leute, die in weinseliger Stimmung scherzend in der Dämmerung herumalbern und abenteuerliche Pläne schmieden. Gefährliche Pläne. 'Wer als erster drüben ist!' Der kalte Stahl des Brückengeländers brennt unter meinen nackten Füßen. Ich balanciere auf der einen Seite und Klausi auf der anderen. Was habe ich getan? (Du hast ihn umgebracht) Niemals hätte ich das getan. Er ist abgestürzt, weil er betrunken war. Wir sind beide abgestürzt. (Er war ein guter Schwimmer und hätte überlebt. Du nicht)

Noch im Fallen höre ich die erschrockenen Schreie der Anderen, bevor mir der harte Aufprall auf die Wasseroberfläche für einen, zum Glück nur kurzen Moment, die Sinne raubt um mich dann versinken zu lassen wie einen Stein. Ich kann nicht mehr atmen. Gelähmt vor Entsetzen, verharre ich bewegungslos auf dem Grund der Wupper, bis sich mit einem Mal das Gesicht meines Freundes vor mir aus der, mich überkommenden Dunkelheit schält. In wahnsinniger Panik presse ich meinen aufgerissenen Mund auf Klausi's Mund und sauge, seinen Kopf unerbittlich im Klammergriff haltend, alles Leben aus ihm heraus. Er leistet kaum Gegenwehr, in seinen aufgerissenen Augen spiegelt sich bis zuletzt grenzenloses Erstaunen. Sein Leben wird mein Leben.

Es ist also wahr. (Du bist ein Dieb) Ja, das bin ich. Ich habe das Leben meines besten Freundes gestohlen.


13. November 2009

Dies sind die letzten Sätze, die ich in mein Tagebuch schreibe. Ich habe eine Verabredung und dieses Mal bin ich bereit, sie einzuhalten. Irgendwann ist es vorbei. Wenn um Mitternacht der Leierkastenmann an der Brücke auf mich wartet, werde ich ihm folgen. Die weiße Taube wird ihre Flügel ausbreiten und ich werde keine Angst mehr haben. Ich werde die Musik hören und das zarte Klingeln der Glöckchen. Es wird eines mehr sein, von diesem Moment an. 



The Organ Grinder

November 3, 2009

Today was the first time I heard it again after all these years. It was very quiet and it was already getting dark. I was alone. All around me the autumn wind whipped up the brown and yellow leaves into wild flights of fancy. Following a spontaneous idea, I didn't walk home along the well-lit main street as usual, but instead, as before, chose the shorter and more beautiful route past the Bielert Church and the Opladen pond. And just like before, this brief feeling of fear crept over me again today as soon as I turned onto the much darker Bielert-Street. Something wasn't right, but I didn't know what it was. The Neo-Romanesque church rose large and dark to my right. A quick glance was enough, then I looked away again. I didn't have to look to know what the inscription read. “Glory to God alone in the highest”. To distract myself, I walked a little faster. As I was trying to think about what good things Lisa had prepared for dinner, I suddenly heard it.

A quiet ringing, like many small bells, still far away, but clearly getting closer. I could hardly believe it, my terror was so great that I stopped and listened before rushing on.

"Please make sure it's not him!" I thought, "I didn't harm anyone. I always paid attention." I had already left the pond behind me, rushed past the empty children's playground onto the footbridge over the Wupper, and then he started to play. The first, still quiet notes of this shabby Organ Grinder almost took my breath away. The Wupper clucked dully beneath me. I stared into the darkness but couldn't make out anything. This miserable music, I knew this music! It was always one melody, a children's song probably, or a Christmas song, a soft, unobtrusive melody actually, if it weren't for those sudden, disharmonious tones that marred the song. Louder and shriller than all the others, they weren't blown by the wind like the rest of the music, rather it was more like being shot in the head with an arrow that temporarily paralyzed you. Your tongue became heavy and an oppressive noise seemed to fill your head.

I didn't turn around anymore and I didn't stop either. Slowly, pressing my palms to my ears, I approached the end of the bridge. The branches of the weeping willow swayed aimlessly. Finally I reached the old stone staircase, which, no one knows exactly why, had always been called the Ladder to heaven. Taking several of the sloping steps at once, I grabbed and pulled myself up the bright green railing. Three landings, forty-five steps, then I stood in front of the base of the small, brick viewing platform that divided the stairs into two narrower arched staircases. Left or right? Right. But if I was on the right, what was on the left? Nothing? For four steps you couldn't see the other staircase. How often Klausi and I had gone up and down these stairs as children and later as young men, including on that memorable day twenty-one years ago. Not completely sober anymore, as is usually the case, but in absolute high spirits. Laughing and joking, we rushed to the Wupper meadows to while away the afternoon with a bottle of red wine.

Klausi, my friend - I hadn't seen him for how long. A month of Sundays?

I hadn't thought about him for a long time, I had almost forgotten him, but now his face suddenly came back to me, clear and distinct. A horribly crooked, shrill sound tore me out of my thoughts. Stumbling over the last step, I ran, panting, under the wooden rose trellis into the saving settlement and home.


November 6, 2009

Lisa is watching me. I didn't tell her anything the other night, but I can still feel that she's watching me.


November 7, 2009

Today at dinner I asked Lisa when she last heard from Klausi. It was just a casual question, but to my astonishment it completely threw her off guard. She jumped so hard that she accidentally knocked over her glass, spilling her wine all over the table and dripping in a trickle onto the floor.

"I don't know any Klausi.." she murmured as she walked out. I really don't know what to think about this.


November 9, 2009

I had a dream. For the first time ever, I not only heard the Organ Grinder, I could also see him. With my back to the Ladder to heaven, I stood opposite him on the old bridge at some distance. He wasn't playing, he was just looking at me. Something white moved on the antique-looking box, probably an animal, but I couldn't see it exactly. The bells strung on long strings rang softly. I looked at his haggard, deeply lined face, disgusted and fascinated at the same time. Sticky long strands of hair emerged from under a strangely tall cylinder that narrowed towards the top and hung over his nose and ears. Almost as if some kind of black liquid was flowing out of the hat. The tails of his worn, once black tailcoat fluttered in the wind. He wanted me to come over.

"You fool!" I thought. He giggled and nodded his head in a sickening way, before suddenly being right in front of me from one moment to the next, his overwhelmingly clear blue eyes right in front of mine, only to be back in his old spot the next moment. I awoke with a muffled scream.


November 10, 2009

The eyes won't let me go. This blue, what is it? Is that water? I can't let myself go like this, otherwise...


November 11, 2009

Couldn't leave the house, instead stayed in bed all day. Lisa thinks a little rest would do me good, but I doubt it. As soon as I try to find a little relaxation and distraction, no matter what time of day, I see these huge eyes in front of me. Against my will, I sink into it as if I were standing very close to an aquarium, my nose pressed against the cool glass, like a child. There were milky-green algae, moss-covered stones, gnarled branches and trunks, air bubbles, lots of air bubbles and some lifeless object floating towards me. A body? Is that a human body? The long, brown hair moved lazily, almost gracefully, in the current like water plants. His back was still turned to me, but he was already lurching, helplessly caught in a wave, to show me his face. Klausi?


November 12, 2009

This morning, on the way to work, it was still dark and there was a light drizzle on the streets, I found myself humming a tune, completely absent-minded, the tune! I would not have noticed it. Only the distant echo of the Organ Grinder made me fall silent in horror. (I'll accompany you)

For reasons completely incomprehensible to me, contrary to my intention, I turned into the small side street to the Ladder to heaven and was only a few steps from the first step down.

(Come with me. I want to show you something) The music swelled, it caressed my senses, ensnared me in a way that was both terrible and beautiful. I thought of a summer evening on the Wupper, of exuberant laughter and flickering lanterns, young people joking around in the twilight in a wine-happy mood and making adventurous plans. Dangerous plans. 'Whoever gets there first!' The cold steel of the bridge railing burns beneath my bare feet. I balance on one side and Klausi on the other. What have I done? (You killed him) I would never have done that.

He crashed because he was drunk. We both crashed. (He was a good swimmer and would have survived. You wouldn't) Even as I was falling, I heard the frightened screams of the others before the hard impact on the surface of the water robbed me of my senses for a, fortunately only brief moment, and then I let myself sink like a stone. I can not breathe anymore. Paralyzed with horror, I remain motionless at the bottom of the Wupper until my friend's face suddenly appears in front of me from the darkness that has overtaken me. In a mad panic, I press my open mouth onto Klausi's mouth and, holding his head relentlessly in my grip, suck all the life out of him. He hardly offers any resistance, his wide eyes reflect boundless astonishment until the very end. His life becomes my life. So it's true. (You are a thief) Yes, I am. I stole my best friend's life.


November 13, 2009

These are the last sentences I write in my diary. I have an appointment and this time I'm ready to keep it. At some point it will be over. If the Organ Grinder is waiting for me at the bridge at midnight, I will follow him. The white dove will spread its wings and I will no longer be afraid.

I will hear the music and the gentle tinkling of the bells. It will be one more from this moment on.




 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der personalisierte Van Gogh

"Shangri-La" Assemblage Box